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BERLIN EXTREM oder Nonstop 32 Stunden schwarz in U- und S-Bahn!

Während sich die Besserverdienenden die Viktoria-Wasserfälle herunterstürzen, oder sich an einen Panzer (Typ: Leopard) gekettet aus 2.000 Meter Höhe schubsen lassen, um den gewünschten Adrenalin-Kick zu erlangen, bleibt mir und jedem Ottonormalverbraucher (1-Zimmer-Wohnung, 49 qm, ledig, keine Haustiere) eher eine bescheidene Auswahl an Möglichkeiten, seine Sucht nach dem Rausch der Geschwindigkeit, nach dem ultimativen Thrill zu stillen. Denkt man! Doch weit gefehlt: Seit ungefähr drei Jahren schon sprießen die urbanen Extremsportarten aus dem Asphalt, wie Pilze in der Küche und erleben gerade in unserer schönen Hauptstadt und deren Umgebung einen regelrechten Boom, wie ihn vorher nur Sportarten wie bspw. Basketball oder Tennis erlebte. 'The thrill is just a Dönerbude away', wie der Berliner Volksmund so schön sagt. Was mit eher harmlosen Spielchen wie 'Extremroden' (mit 1,8 Promille auf den nächtlichen Alleen Brandenburgs), 'Schoko-Latschen', auch bekannt als 'Häufchenspiel' (Barfuß durch Neukölln) oder auch 'Kotzebuh' (einseitiges Ernähren, ausschließlich mit Produkten aus dem Hause Schwartau, Hipp und Thomy) begann, treibt, zum Ende des Jahrhunderts hin, ungeahnte Blüten. Beispiele gefällig? Adrenalin-Junkies verkauften bis 1999 PKK-T-Shirts auf Türkenmärkten am Paul-Lincke-Ufer und die Hartgesottensten unter den Danger-Seekern zogen nach Berlin-Marzahn. Hat das noch irgendetwas mit Spaß zu tun? Ist dieses Verhalten noch mit Narzissmus zu entschuldigen? Mir als Frau ist das eh scheissegal.

Der neue Trend ab 1998 nennt sich 'BVG-Extrem'. Was erst einmal recht harmlos klingt, lässt einem, bei genauerer Betrachtung der Regeln dieses 'Sports', die Haare zu Berge stehen, auch die ganz kleinen, feinen auf den Unterarmen und (schluck) alle anderen. Hier nun eine kurze Regelkunde: 1.Regel ist, dass nur U- oder S-Bahnen benutzt werden dürfen, keiner der Bahnhöfe darf innerhalb von 24 Stunden verlassen werden, es sei denn, man wird gezwungen (Schwarzfahrtsöldnerabbruch). Als Extrem-Zosse giltst du dann, wenn du es dreimal um die Uhr schaffst, also 72 Stunden! 2.Regel: Es darf nur ohne Ticket gefahren werden, löst du eins, bist du raus! Alles klar? Also mutig an’s Werk!

 

Mo, 12.01, 6.00 Uhr: Bahnhof Zoo. Gestärkt und halbwegs ausgeschlafen betrete ich die Eingangshalle. Ich bin wider Erwarten recht aufgeregt, bin voller Mulm. Ein Junkie, der mir erzählt, dass auch er sich einmal an 'BVG-Extrem' wagte und so zur Nadel kam sowie die Headline der BZ 'Berliner Verkehrbetriebe rüsten auf bis zum Jahr 2005 ist Berlin Schwarzfahrer frei' steigern meine innere Unruhe.

Mo, 12.01., 6.15 Uhr: Ich betrete eine Bahn der Linie 9, Richtung Steglitz. Ich bin es nicht gewohnt, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Die vielen Menschen beunruhigen mich. Wie sie da so eng gedrängt im Wagon stehen, erinnern sie mich an eine Legebatterie auf dem Ökohof, den meine Eltern mit mir in fernen Sommern besuchten. Meine naive Frage, warum denn die Hühner so kleine Wohnungen hätten, bescherte mir die erste Strafarbeit meines Lebens (Gänse mästen).

Mo, 12.01., 6.38 Uhr: 'Rathaus Steglitz-Alle aussteigen' schallt der barsche Befehl über den Bahnsteig. Meine Bemerkung 'das kann man doch auch anders sagen' erntet misstrauische Blicke der anderen Fahrgäste. Nach kurzer Orientierungslosigkeit beschließe ich in die S-Bahn umzusteigen. Auf dem Weg nach oben, begegne ich einem Bettler, dessen Pappschildaufschrift 'Gegen Aids' mich einige Groschen in seinen Becher werfen lässt. Ah, frische Luft, endlich. Nach der langen Zeit unter der Erde, fühlte ich mich schon fast wie ein Kohlekumpel aus dem Pott.

Mo, 12.01., 6.42 Uhr: Apropos Pott: die vier Tassen Kaffee machen sich bemerkbar. Ich beschließe auf der bahnhofseigenen Toilette erst mal einen kleinen Chinesen abzuseilen.

Mo, 12.01., 6.43 Uhr: Ich beschließe, so schnell erst mal gar nichts abzuseilen. Der beißende Geruch der mir beim Öffnen der Tür entgegenströmte, erinnerte mich an Erzählungen meines Opas, über die Giftgasangriffe gegen den Franzmann im 1. Weltkrieg.

Mo, 12.01., 8.57 Uhr: Mittlerweile habe ich mich an die vollen Waggons, die Graffitis, die Verkäufer der Obdachlosenzeitungen und die mistigen Bahnsteige gewöhnt. Ich fühle mich voll integriert und bilde mir ein, dass man mich akzeptiert. Ich fahre von Frohnau wieder Richtung Süden und begrüße die Einsteigenden mit einem freundlichen 'Guten Morgen, Deutschland'. Erneutes Misstrauen. So eine junge Nutte, hör' ich von einem Gruftanwärter.

Mo, 12.01., 9.17 Uhr: Ich betrete den Umsteigebahnhof Gesundbrunnen. Ein leichter Appetit macht sich bemerkbar. Ich leiste mir eine Bifi-Roll und drei mal Erdbeerschnüre. Die Hälfte des Wurstersatzes im Betonteigmantel fällt mir beim Entern des Wagens auf den Boden, woraufhin mir eine alte Dame eins mit ihrer 'Gala' drüberzieht und mich als asoziales Drecksweib beschimpft. Als ich sie darauf hinweise, dass mein zweiter Vorname 'Knigge' ist, droht sie mir mit der Polizei.

Di, 13.01., 2.15 Uhr

Ich bin in der S-Bahn eingedöst. Zwischen den Stationen Friedrichfelde Ost und Wuhletal, reißt mich ein größerer Tumult endgültig aus meinem Halbschlaf. Fünf rechtsradikale Skins befassen sich mit einem jungen Pärchen aus Afrika. Zwei von ihnen bringen dem jungen Mohr S-Bahn-Surfen bei. Mein Beifall durch Nichteingreifen bewahrt mich vor eigenen Blessuren. Mein schlechtes Gewissen lässt mich allerdings unwirklich grinsen.

Di, 13.01., 2.45 Uhr: Bahnhof Lichtenberg. Ich werde von den kahlgeschorenen Kameraden zu ein paar Bären Pils eingeladen. Ich würde sie gerne über die Berliner Pils-Misere aufklären, doch die Angst, dass sie mir es direkt auf dem Bahnhof besorgen, siegt. So stimme ich sicherheitshalber mit schmieriger Lamoryanz das 'Horst-Wessel-Lied' mit an und trinke so ein Halbes fast auf ex (Prost, prost Kameraden...). Der Anführer der Truppe fängt an bei mir die Möpse und den Allerwertesten zu mustern und mir mit den Fingern durch die Haare zu fahren ('Du süßer doitscher Wuschelkopf. Da geht mir ja die Flack in der Hose los'). Bevor er endgültig gegen mich ins Manöver zieht und sein Rohr aus der Hose nestelt, gebe ich Fersengeld und wechsele abrupt die Bahn.

Di, 13.01., 7.35 Uhr: Ich war wohl erneut eingenickt, doch ein leckerer Geruch wie ein frisch gedeckter Frühstückstisch reißt mich aus den Träumen. Im Prinzip hätte mich eigentlich das Gelächter der anderen Fahrgäste wecken müssen, denn irgendwelche Drecksgören haben mich mit ihren Pausenbroten tapeziert. Eine Teewurstbemme klebt mir an der Brust, eine Käseschnitte auf dem Oberschenkel, ein Knäcke (Sesam) mit Häckerle auf dem Unterarm. 'Welche Drecksau ...?' brülle ich los, doch aufgrund meiner akuten Geldnot, wandelt sich mein Zorn schnell in ein Gefühl der Dankbarkeit. Mit einem christlichen Lied auf den Lippen verlasse ich den Waggon und stärke mich.

Di, 13.01., 9.11 Uhr: U-Bahnhof Nollendorfplatz. Ich erblickte mich just in dem Spiegel eines Fotoautomaten und fange fast an zu weinen. Meine Erscheinung erinnert an Nina Hagen, nach dem sie kopfüber in einen Farbtopf gefallen war und dieses kleine Missgeschick mit Schminke auszugleichen versuchte. Mein Gott,  vorgestern noch eine junge aufstrebende Journalistin, heute schon die Königin von Schöneberg.

Di, 13.01., ?? Uhr  Ich habe den Faden verloren und keine Aufzeichnungen gemacht. Irgendwie ist bei mir im Schädel für nichts mehr Platz ...

Di, 13.01., 17.51 Uhr: Ich bin gerade zum vierten Mal beim Schwarzfahren erwischt worden. Als zum wiederholten Male meine Personalien aufgenommen werden, brechen die Bediensteten in ein lautes Gegröle aus. Da das Begleichen der Rechnungen mittlerweile meinen Spesensatz um Einiges übersteigt, breche ich diesen Selbstversuch nach fast 36 Stunden frustriert ab, um noch Schlimmeres zu vermeiden. Die Stunden der Pflicht habe ich natürlich nicht geschlagen. Aber noch mal dieselbe Zeit? Nee, danke!  

Di, 13.01., 19.23 Uhr: Ich sitze mit gültigem Ticket im Zug nach Babelsberg. Ich muß unbedingt Ruhe und Kraft tanken. Das geht am besten bei den Eltern im heimischen Kreis der eigenen, nostalgischen Kindheit!
FAZIT
Folgendes habe ich für die Zukunft gelernt: Kinder sind grausam, Bären-Pils schmeckt wie Abgestandenes aus dem eigenen, mobilen Urinausschank, die BVG bietet ein prächtiges Sammelbecken für Sadisten, eine vollgepuschte Hose ist zunächst schön warm, später unerträglich kalt und die Werbung behält zum ersten mal Recht, wenn sie zeigt, dass die neue 'Bifi-Ranger' den stärksten Geier umhauen. Ab jetzt, Duschen, Schlafen und Aus!
Wenn’s dir dennoch gefallen hat, dann empfehle mich und meinen Bericht weiter! Oder du probierst es selbst aus, aber 32 Stunden musst du schon packen!
13.1.08 18:48
 


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